Texte

Als Malte am Morgen aufwacht, tropft Kondenswasser von der Zeltdecke, hinterm Hafen färbt sich der Himmel orange. Er steigt aus seinem Schlafsack und wäscht sich im eiskalten Wasser der Stranddusche. Hinter ihm dröhnt der Lärm der Hauptstraße, vor ihm rauscht der Atlantik. Der Hafen ist eine Zwischenwelt: Kurz vor der Stille des Ozeans, aber noch beschallt vom Lärm der Stadt. Malte zweifelt nicht daran, dass er diese Zwischenwelt bald verlassen wird. Doch ein Hafen ist keine Landstraße.

Erschienen in der ZEITCampus

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Als er aussteigt, wartet eine Handvoll Polizisten am Bahnsteig, so wird er es später erzählen. Sie halten ihn für einen Drogendealer und wollen seinen Ausweis sehen. Als er den nicht vorweisen kann, pressen sie ihn gegen die kalten Fliesen der Wand und legen ihm Handschellen an. Er sagt heute, in diesem Moment bekam die Fassade des gerechten Staates Risse, , und er hatte zum ersten Mal die Ahnung: Nicht alle Menschen in Deutschland haben die gleichen Rechte.

Erschienen in der ZEIT

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Doppelgänger

Ein Betrüger hat Heinrich Traues Identität gestohlen, um damit ein Leben fernab jeder Kontrolle zu führen. Mehr als zwei Jahre lang wird der Mann mithilfe von Traues Namen unerkannt durch die Republik reisen und betrügen – ohne, dass Traue sich dagegen wehren kann.

Erschienen in der ZEIT

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Fast zwei Monate lang bin ich im Juli und August durch Ostdeutschland gereist, immer per Anhalter oder zu Fuß. Ich habe mit hunderten Menschen gesprochen, mit Armen und Reichen, mit Linken und Rechten, mit Akademikern und Handwerkern. Und immer wieder habe ich die Frage gestellt: Was bewegt dich?

Veröffentlicht auf ostwalz.de

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 Ich stehe jeden Morgen auf und hoffe, wieder kämpfen zu können, sagt Bashir. Der heiße Wind zerrt an den Enden seines Turbans und bläst ihm Sand ins Gesicht. Er hat das Warten satt. Wenn er dürfte, dann würde er sofort los und den Feind Stück für Stück aus seinem Land vertreiben.

Veröffentlicht im Datum

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Das ist die Geschichte einer Generation, die in diesen Camps geboren und aufgewachsen ist. Es sind junge Menschen, die ein Leben im Wartemodus führen. Denn seit der Geburt wird ihnen erzählt: Eines Tages werden sie in der Westsahara leben. Doch wie lange lässt sich so eine Hoffnung aufrechterhalten?

Erschienen im UniSPIEGEL

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In der Anastasia-Szene tummelt sich eine bunte Mischung aus Umweltschützern, Esoterikern, Schulverweigerern. Sie alle glauben, etwas laufe grundlegend schief inder Gesellschaft. Sie meinen damit Einwanderung, Insektensterben oder HIV. Die Welt von der sie träumen hingegen, stammt aus einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Eine Welt der intakten Familie, der klaren Rollenbilder und der Naturverbundenheit.
Bei den Treffen tauchen auch immer wiederVertreter der rechtsextremen Szene auf,sogenannte Reichsbürger und völkische Siedler.

Erschienen in der ZEIT

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Es war ein heißer Julitag des Jahres 2017. Der tote Körper war aufgedunsen wie ein Ballon, die Leiche roch nach Verwesung. Ihr aufgeblähter Bauch ragte weiß aus dem Wasser, sanfte Wellen trieben sie gegen die Staumauer des Schluchsees im südlichen Schwarzwald. Die Touristen riefen die Feuerwehr.

Erschienen in der taz.am Wochenende